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IN DIE WÜSTE GEHEN


Gehen in der Wüste Marokkos. Selbsterfahrung
Walking in the desert. In die Wüste gehen. Sahara. Marokko

Jeden Tag ein Stück weiter

in die Wüste hinein wagen. Zuerst eine Stunde, dann zwei, dann drei. Wasserflasche, Handy, Kamera. Beim ersten Mal geben mir die Männer etwas skeptisch wirkend einen Kompass mit. Das Wetter ist stabil, sonnig, angenehm warm. Endlich. Gehen!

"Das Gehen ist Öffnung zur Welt. Es versetzt den Menschen wieder in das glückliche Empfinden seiner Existenz" (Le Breton) Wesentlicher Orientierunspunkt bleibt der Handymast von M´hamid, der zwischen den Lehmhäusern unübersehbar und unhübsch von jeder Düne noch weit zu sehen ist.



Dünen rauf. Dünen runter


Innehalten im Schatten eines kleinen Bäumchens. Sich zusammenrollen in einer Sandmulde oder am Bauch an einem Dünenabhang liegen. Lauschen. Mit den Augen den Horizont abwandern. Die Linien, Wellen und Kurven entlangschauen. Im Alleinegehen frei sein.

Das Nervensystem beruhigt sich in der Ereignislosigkeit. Ohren können sich auffalten.

Das Fliegengesumme als einzig Hörbares aufnehmen. Ich liege im weichen Sand und schaue in den Himmel. Himmel und Sand teilen sich den sichtbaren Raum. Ein Himmel ohne Flugzeuge. Fühlt sich irgendwie völlig fremd an so unzerkratzt. Stiller Himmel und dazu so viel vom hellen Licht. Das Nichts fühlt sich so voll an. Fallweise ein Erschauern ob der gespürten Weite und des Alleinseins. Nichts zu tun. Einfach gehen in irgendeine Richtung. Zur nächsten höheren Düne.


"Die wüste ist eine denklandschaft. man geht nicht nur zwischen dünen,

man geht auch in seinem eigenen denken umher, man macht gedankengänge.

im gehen verändert sich die landschaft von bild zu bild.

es verändert sich auch der gedankenhorizont. das auge zieht es mal hier, mal dorthin, auch die gedanken wildern umher. man wirft sie hinaus, als entwürfe.

(Otl aicher, gehen in der wüste)


Aufgehoben und ausgesetzt


Reduktion und Fülle im selben Moment.

Verbundenheit mit der Landschaft und das Risiko des Verlorengehens (wenn man alleine geht oder sich auf GPS verläßt, letztes Jahr sind einige Personen verdurstet)

"Ähnlich wie beim Meer ist die Wüste oft ein Raum mit unendlich weitem Horizont, und der Mensch erlebt sich selbst unerbittlich als die Mitte des Kreises. Er ist aufgehoben und ausgesetzt im selben Moment" ( Kreszmeier)


Ja, sich Aussetzen. Sich freiwillig aussetzen dem grellen, extremen Sonnenlicht, dem Mangel an Schatten, der Trockenheit beim Atmen, der Stille und den inneren Geräuschen, Gedanken, Gefühlen, den immer wieder aufkommenden Impulsen der Gewohnheit. Aufs Handy schauen, Fotos machen, den Kompass betrachten..... Kaum Ablenkungen. Das Eigene tritt in den Vordergrund, zugleich ist es minimiert in der Weite.



"Die Wüste ist ein stiller Raum

So hört der Mensch in der Wüste sich selbst, seine Schritte und Bewegungen, seinen Atem und seinen Herzschlag deutlicher als anderswo. Der eigene Körper ist hier Instrument, Musiker und Zuhörer in einem. Das bewirkt eine konzentrierte akustische Selbstwahrnehmung, die uns unentwegt mit uns selbst in Verbindung bringt." ( Kreszmeier)


Zuerst braust es in meinen Ohren. Das eigene Blut, das Herz. Der Atem. Was ist, wenn... ?

Bedrohung und Georgenheit könnten nahe beinander liegen. Hundegebell, Stimmen, Geräusche, die nicht da sind. Wie ein Nachklang der lauten Welt.

Stille ist anfangs ohrenbetäubend.


"Die Stille umfängt uns - anfangs vielleicht bedrohlich, dann aber sickert sie ein in unsere Seele und läßt sie schliesslich im Gleichklang schwingen mit der Weite und Ruhe der Landschaft." (Jürgen Werner, Wüstenwandern)




Ich habe mich der Sahara in Etappen sehr vorsichtig angenähert. Als vor ca. 20 Jahren eine Bekannte von einer zehntägigen Wüstentour auf Kamelen erzählte, erschien mir dies damals noch ungeheuer abenteuerlich und unvorstellbar. Irgendwann begann ich in den zahlreicher werdenden Angeboten an Wüstentouren zu blättern. In Gedanken reiste ich probehalber immer wieder in die Wüste. Eine Teilnahme an üblichen Gruppenreisen immer wieder verworfen..


mein erster Schritt in die Wüste


Weiches Einsinken im Sand beim Abspringen von einem Motorrad. Dunkelheit. Silhouetten von Palmen. Sterne. Kühle Luft eines Oktoberabends. Totale Fremdheit um mich, nach einer nervenzerreissenden Fahrt im Auf und Ab über Sandwellen. Angekommen am Platz des Musikfestivals TARAGALTE, das jedes Jahr Ende Oktober nahe von Mhamid in Südmarokko stattfindet. Wie so oft alleine reisend und ohne zuvor organisierten Transfer war ich erleichtert, zu dem 7 km entfernten Festivalplatz in die Sahara geführt zu werden.

Der junge Mann mit Schesch und Gandora, der traditionellen flatternden Kleidung, an die ich mich bei der rasanten Fahrt geklammert hatte, lacht über meine französischen Protestrufe und übergibt mich seinem Freund Ali in einem kleinem, schwach beleuchteten Zelt. Bin orientierungslos in der Dunkelheit und überwältigt von der Fremdheit.


Eine blaue blecherne Teekanne auf der Glut im Sand. Bald sitze ich mit einigen freundlichen jungen Männern im Kreis, trinke aus kleinen Gläsern heissen Tee, die extreme Aufgeregtheit beruhigt sich, meine Augen adaptieren sich. Lichter der Bühne sind zu erkennen, und es wehen Klänge von E-Gitarren in unsere Richtung ..Saharablues ... die jungen Bands von M´hamid spielen das Festival ein. Nach einer Weile gehe ich hinüber und setze mich auf eine Düne vor der Bühne, der Sand ist kalt.


Am nächsten Tag erste Berührungen mit den Dünen rund um den Festivalplatz. Der unwiederbringliche Zauber des ersten Mals. Ein großes JA zu dieser Landschaft. Diese Weichheit der Linien schmeichelt Auge und Herz. Sie glätten die Gedanken, erzeugen ruhige Klarheit. Man möchte loslaufen wie ein Kind, hinein in die unberührten Sandwellen. Struppige Büsche, kleine Campingzelte, Menschengruppen, die auf Dünen sitzen, in die Weite blickend, die Sängerin und "Mutter" des Festivals - Oum, die gerade in wallenden, farbigen Gewändern für Fotoaufnahmen posiert; laut surrend kreist eine Drohne über mir; (sind in Marokko strengstens verboten). Gleichmäßige Trommelklänge der traditionellen Musikgruppen wehen zu mir... einige Männer sammeln sich in der Nähe mit ihren Kamelen und beginnen zu tanzen. Wenig von Wüstenstille hier, aber genauso faszinierend. Sonnenuntergang. Erstmals dieses beeindruckende Schauspiel der wechselnden Farbtöne am Himmel, das Rötliche, Rosige im Westen, das einzigartige, samtige Blau, Violett im Osten.





Allerheiligen am Sand


Nach dem dreitägigen Festival eine kleine Wanderung ein paar Kilometer hinein in die Wüste. Der Guide trägt eine Sporttasche mit ein paar Lebensmittel und Wasserflaschen über die Schultern gehängt. Vom Dorf M´hamid geht es zuerst über steiniges Gelände zu seinem Camp und später zu einem Brunnen.

Mit Wüste assoziiert man Sanddünen, aber tatsächlich besteht die Sahara nur zu

20 Prozent aus Sanddünen, den Ergs. Die höchsten Sanddünen in Marokko sind Erg Chegaga und Erg Chebbi, die man beide auch mit Jeep erreichen kann und Ziele der meisten Wüstenreisenden sind. Stein- und Felswüsten, die Hammada, sowie Kies- oder Geröllwüste (Serir) machen jedoch den größten Teil der Sahara aus. Beim Gehen trifft man also auf Weichheit, begleitet vom mühevollen Einsinken und auf schottrigen, harten Untergrund, hie und da, falls es einmal kurz geregnet hatte, auch auf getrocknete, aufgebrochene Schlammplatten. Wind und seltener Regen formen den Boden zu Wellen und Schichten.



Auf einem Teppich im Sand liegend, unter drei überaus schweren Decken begraben, erlebe ich eine frostige Übernachtung zu Allerheiligen. Ich schaue auf einen klaren, hellen Mond, aber von den erhofften Sternen ist nichts zu sehen. Die Nacht endet in einem plötzlichen, heftigen Fieberschub und ich verlasse die Wüste wieder auf zwei Rädern. Auf dem Hintersitz eines immer wieder absterbenden alten Motorrads irgendwie mich aufrecht haltend gehts in der Früh zurück nach M´Hamid....



“Geh immer dorthin, wo es weit wird!"


(Christian Hlade, Weltweitwandern)




.....UND WO ES MUSIK GIBT !


Ein Jahr später lockt mich dennoch wieder das Musikfestival Taragalte in die Sahara.

Nun schon vertraut, Wiedersehen mit Bekannten. Tolle Konzerte. Ein heftiger Sandsturm beendet das Programm vor dem dritten Tag. Viele die wegen der Gruppe Tinariwen gekommen waren, harren noch aus, doch die meisten sind vorzeitig abgereist. Die Bühne ist zerstört, Zelte sind umgeblasen; nach stundenlangem Warten, vermummt und mit brennenden Augen, läßt der Sturm endlich nach. Teppiche werden ausgerollt, in einem einfachen Zelt beginnt Tinariwen im Schein des Mondes zu spielen. Wenn die Tontechnik versagt, singt das Publikum weiter. Ich sitze auf einem Teppich einen Meter vor den Musikern. Höchste Begeisterung. Magisch.


Ich habe mehrere Wochen Zeit und will noch bleiben. Die Sahara und ich sind noch nicht im Reinen. Spontan buche ich über booking ein Zimmer in einem Haus 2 km in der Wüste.

Mein Koffer wird auf ein Mofa gepackt, ich selbst marschiere los: als Orientierungsanweisung gibt man mir zwei in der Ferne sichtbare Holzpflöcke. Irgendwie nehme ich nicht ganz die richtige Richtung; der Vermieter kommt zurück und nimmt mich auch noch auf das Mofa.





Ein großes Lehmhaus in der Wüste, -anwesend sind hier offensichtlich nur Männer. Ein Gefühl der Unbehaglichkeit umfängt mich, aber es ist in Ordnung. Vor dem Haus werden gerade Lehmziegel für zusätzliche Bungalows angefertigt. Ich schaue den Männern eine Weile zu, wie sie mühevoll in der Hitze den Lehm ausheben und in die Formen leeren, zum Trocknen in die Sonne legen. Mnchmal wird dem Lehm-Sandgemisch auch noch Stroh beigemengt. Lehmbauten haben lange Tradition in Marokko und sind bekannt dafür, dass sie bei jedem Wetter ein angenehmes Raumklima schaffen. Das Landschaftsbild Südmarokkos ist durch diese rotbraunen Lehmhäuser und Kasbahs stark geprägt.





Mein Zimmer ist dunkel, einfach, höhlenartig. Regale aus Stein. Bunte, traditionelle Stoffe an den Wänden; Holztischchen; Lehmboden. Lehmwände. es fühlt sich erdig und störungsfrei an. Ein Feuer am Abend, die Musikinstrumente werden geholt, alles bemüht inszeniert für mich als Besucherin. Und nun auch endlich: der unglaublich schöne Wüstensternenhimmel. Frieden an diesem Ort. Sinken in tiefste innere Entspannung. Von hier beginne ich meine ersten Wanderungen alleine....




Beim nächsten Besuch in M´hamid, wieder wegen eines Musikfestivals (Festival des nomades) angereist, bin ich bereit, länger in die Wüste zu gehen. Im Vertrauen auf Omars Führung tauche ich nun ein in einen längeren Aufenthalt in der Wüste. Begleitet von seinen sympathischen Dromedaren. Sonnenaufgang, Mahlzeiten, Versorgen der Kamele, wechselnde Lichtstimmungen. Weitergehen, Suche nach einem Stück Schatten und Verfolgen von diesem über die Stunden. Sich ein Baumhaus oder Lager aufbauen. Wie als Kind wird mit Decken und Tüchern ganz schnell ein Zuhause gestaltet. Mir fehlt nichts.

Holz suchen fürs Feuer. Teig kneten für das Sandbrot. Schwankungen der Lufttemperatur. Anpassen der Kleidung. Wind. Wahrnehmen des Himmels. Der Bodenbeschaffenheit. Die Spur eines Scarabäus. Farbenpracht des Sonnenuntergangs. Mondaufgang. die Sterne. eine prächtige Milchstrasse.

Wie Otl Aicher schreibt, in die Wüste gehen heisst, einmal den Stall zu verlassen, gleichzeitig eine Art Kur..."die Genügsamkeit baut falsche Stoffe ab".

Es braucht ein paar Tage, um dies zu spüren. Sich einfinden in diesen gleichmäßigen Rhythmus. Manchmal mit Langeweile konfrontiert. Gedanken an all die Mutigen, die lange Zeiten in der Wüste alleine verbracht haben. Aus Abenteuerlust ? Aus spirituellen Gründen ? Wielang kann man das aushalten und wozu, wie Wolf in seiner Doku Sahara Salaam fragt.


Mit jedem Tag werden die Sinne feiner.

Eines Abends höre ich schon im Schlafsack liegend, den herankrabbelnden Käfer.

Tag und Nacht draussen sein. Mit der Sonne und den Sternen leben.


Man wandelt sich.


Das Herz im Himmel, den Himmel im Herzen (Laotse).



Wüste ist genaus wie andere Landschaften auf dieser Welt auch nicht mehr völlig unberührt und heil. Karawanen hinterlassen Fischdosen und Plastikflaschen, Jeeps graben breite Pisten durch den Sand